Hauptmenü
Wie oft, wie lange und wie heftig bebt die Börse?
Die klassische Volkswirtschaft hält die Finanzmärkte seit Jahrzehnten für "gutmütig". Sie geht davon aus, dass die täglichen Kursveränderungen normal verteilt sind. Das bedeutet : Geringe Kursverluste sind sehr wahrscheinlich, große unwahrscheinlich, sehr große so gut wie unmöglich. Laut den Gesetzen der Normalverteilung dürfte der Dow Jones nur etwa alle 175 000 Jahre einen Tagesverlust von mehr als sechs Prozent verbuchen.
Die Realität sieht freilich anders aus: Seit 1928 knickte der US-Index im Schnitt alle drei Jahre um mehr als sechs Prozent ein. Sogar alle vier Monate gab er mehr als drei Prozent nach. Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Banken und Wissenschaftler das Risiko an den Märkten drastisch unterschätzen.
Jahrzehntelang hielten sie die dramatischen Kursstürze für Ausreißer, die ihren Modellen nichts anhaben können. "Sie konzentrieren sich auf das Gras und übersehen die (gigantischen) Bäume", schreiben die Forscher Benoit Mandelbrot und Taleb, die schon lange gegen diese Laissez-faire-Haltung wettern. Und sie haben Recht: Der Einfluss der jähen Kursstürze auf die Aktienrendite ist enorm. Blendet man aus dem Dax seit seiner Geburt im Jahre 1988 die zehn Tage mit dem höchsten Verlust aus, würde der Index heute bei rund 13 000 Punkten stehen.
Die Heftigkeit der Kursstürze belegt auch eine Liste der Bärenmärkte, also Börsenphasen mit anhaltenden Kursrückgängen von mindestens 15 bis 20 Prozent. Die Investmentbank Goldman Sachs hat Verluste und Dauer4 der Baissen in den USA, in Großbritannien, Deutschland und Frankreich seit dem Jahr 1800 untersucht-. Im Schnitt dauert eine Kurstalfahrt 32 Monate, die Notierungen rauschten um 36 Prozent in die Tiefe. Einzelne Börsenkatastrophen schossen noch weit über dieses Ziel hinaus : Als 1825 die Bergwerksblase in England platze, stürzten die Kurse um fast 70 Prozent ab. Der Schwarze Donnerstag im Jahr 1929 in New York läutete sogar einen 85-prozentigen Kursrutsch ein. Und nach dem Platzen der New-Economy-Blase im Jahr 2000 fiel der Dax von 8065 auf gut 2200 Punkte.
Fest steht allerdings: Bärenmärkte, die durch den Konjunkturzyklus oder exogene Schocks wie Terroranschläge ausgelöst werden, verlaufen in der Regel harmloser als solche, die auf Massenspekulationen folgen.